Excerpt Chapter six: A continent without a future? / Leseprobe Kapitel sechs: Ein Kontinent ohne Zukunft?

4 Jun

Chapter 6: A continent without a future?

After a twenty minute drive we arrived near the market place. The military had shut down the entire area around the market place and hundreds of people had assembled near the gates that had been put up to catch a glimpse of what was going on. As a result, the traffic was even more chaotic than usual. The police escort that drove from the hotel to the set with us cleared the way for our vehicle and we finally parked in a side street of the market place. Within seconds, the car was surrounded by dozens of people. A policeman opened my door and immediately a woman started screaming.

It’s Waris, she is here! People from the set started running towards the car. I stepped out. I was wearing sandals, a jeans and a transparent t-shirt. When the people saw me, they stopped abruptly. They stared at me as if I had stepped out of the car naked. It took a few seconds until I realized that it was my outfit that shocked them. All the other women I saw were completely covered up in colourful scarves.

It wasn’t the first time I had made such an experience. During my visits to Somalia I had cause much disturbance because I refused to wear a veil or wanted to go to a restaurant, which is something only men do here. But here in Djibouti, there were many foreigners and I had honestly not expected that my outfit would cause such a stir. After all, I had travelled to many other African countries and never had a problem. Apparently, the situation was different here. But now there was no turning back and so I just held my head up high and walked through the masses.

Whore!

Cover her, cover her!

I just tried to ignore the shouting and continued walking, while the police tried to hold back the people. Suddenly, a couple of women, “armed” with scarves and fabric ran towards me and started wrapping me up. A green scarf covered my hair, an orange one my shoulders, a red one was wrapped around my hips. Within seconds, I looked nothing like the woman who had just stepped out of the car. It felt strange, but I just let it happen.

At the set, everyone was happy to see me. The people celebrated me like a popstar. That’s how quickly things can change in Africa. Suddenly, everyone wanted to talk to me and shake my hand or kiss me. It was overwhelming. The people in the crowd held up their mobile phones to take pictures of me. I could hardly believe how many people had mobile phones. In one of the poorest countries of the world, many people could not even afford shoes, but a mobile phone seemed to be more important.

The colors, the smell, the people and their clothes, the fruits, vegetables, fabrics and scents offered at the market reminded me of Somalia and especially of Mogadishu so strongly that I felt like I was suddenly back in my childhood.

It was Sherry who brought me back to reality.

Waris, this is Soraya. She will play you as a young girl in Somalia.

I looked into the blood-covered face of a young girl with short hair and ripped clothes.

What happened to you? I asked, shocked. Soraya laughed out loud.

Waris, that’s only fake blood. We are shooting the scene after your flight through the desert when you are searching for your grandmother’s house in Mogadishu.  We will repeat it again in a few minutes. By the way, people here always call me mini-Waris!

Now I laughed, too. I hugged Soraya and kissed her on both cheeks. She looked beautiful, self-confident and brave, and the longer I watched her during this shoot I realized that she really resembled me as a child. This girl had a very strong will and the crew had quite a bit of work trying to control her. She reminded me of myself I was a really great cast for this role.

Kapitel 6: Ein Kontinent ohne Zukunft?

Nach zwanzig Minuten Fahrt durch die verstopften Straßen trafen wir in der Nähe des Marktplatzes ein. Das Militär hatte sämtliche Zufahrtsstraßen zum Markt gesperrt, und überall standen Polizisten in ihren khakifarbenen Uniformen mit blauen Barretten oder blau umrandeten Schirmmützen herum. Viele von ihnen trugen Schlagstöcke, manche sogar schwere Waffen. An den Absperrungen warteten hunderte Schaulustige, die einen Blick auf die Dreharbeiten erhaschen wollten. Mit ihren bunten Gewändern standen sie da und winkten, als ich vorüberführ, und ein riesiges Verkehrschaos war die Folge.

Die Polizeieskorte geleitete mich mit Sirenen durch die Menschenmassen, und als der Wagen in einer Seitenstraße des Marktplatzes hielt, war es innerhalb weniger Sekunden von Neugierigen umzingelt.

Dann rief eine Frau: „Waris Dirie ist da!“, und sofort kam es zu einem unglaublichen Chaos. Alle Statisten rannten einfach vom Set in Richtung Auto, denn jeder wollte einen Blick auf mich erhaschen.

Schon in dem Moment, als ich ausstieg, wusste ich, dass ich ein Problem hatte. Die Frauen um mich herum waren nämlich alle komplett verhüllt, von Kopf bis Fuß war jedes Stückchen ihrer Haut mit farbenfrohen Schals bedeckt. Ich dagegen trug enge Jeans, Sandalen und ein kurzes weißes Tanktop. Um mich herum wurde es plötzlich totenstill, und die Frauen, die eben noch so ausgelassen gerufen und mir zugewunken hatten, wichen erschrocken zurück. Es war, als sei ich komplett nackt aus der Limousine gestiegen.

Es war nicht das erste Mal, dass ich solche Erfahrungen machte. Ich hatte schon früher bei Besuchen in Somalia für Aufsehen gesorgt, weil ich nicht verhüllt war oder in einem Restaurant essen gehen wollte, was ausschließlich Männern vorbehalten ist. Allerdings hatte ich in Dschibuti, wo es im Vergleich zu Somalia viele Ausländer gab, nicht damit gerechnet, dass ich mit meiner Kleidung eine solche Entrüstung hervorrufen würde. Immerhin hatte ich in vielen anderen afrikanischen Ländern nie Probleme gehabt, doch anscheinend sahen das die Menschen hier anders.

Da stand ich nun, es gab kein Zurück mehr, also schritt ich stolz und erhobenen Hauptes durch die Menge, die sich vor mir teilte, während einige mir „Hure!“ oder „Verräterin!“ hinterherriefen. So schnell ich konnte, lief ich zum Set, während die Polizisten, die mich begleiteten, alle Hände voll zu tun hatten, die aufgebrachte Menge von mir fernzuhalten.

„Bedeckt sie, bedeckt sie!“, fingen einige der Frauen an zu schreien und liefen mit bunten Tüchern auf mich zu. Ehe ich michs versah, war ich komplett verhüllt. Ein grüner Schal bedeckte meine Haare, ein orangefarbener meine Schultern und ein roter war um meine Hüften geschlungen. Sekunden später hatte ich keinerlei Ähnlichkeit mehr mit der Frau, die gerade aus dem Wagen gestiegen war. Ich fühlte mich seltsam, dennoch ließ ich es einfach geschehen.

Am Set waren alle glücklich, mich zu sehen, und die Statisten, die mir von der Limousine hierher gefolgt waren, feierten mich wie ein Popstar. So schnell kann sich in Afrika alles ändern. Plötzlich wollte jeder mit mir sprechen, mir die Hand schütteln und mich küssen. Es war überwältigend. Die Schaulustigen und Statisten hielten ihre Handys in die Höhe und fotografierten mich damit. Ich wollte es kaum glauben, wie viele Menschen hier, in einem der ärmsten Länder der Welt, ein Mobiltelefon besaßen. Viele der Einwohner Dschibutis konnten sich kaum Sandalen leisten, aber ein Handy war offensichtlich ein Muss.

Das bunte Treiben auf dem Marktplatz, die fröhlichen Menschen, ihre farbenfrohe Kleidung mit den großformatigen Mustern, die auf Holzkisten und Pappkartons aufgeschichteten frischen Früchte, das knackige Gemüse, die duftenden Gewürze, die bunten Stoffe, Sandalen, der selbstgemachte Schmuck – all das erinnerte mich so stark an Somalia, vor allem an Mogadischu, dass ich mich plötzlich in meine Kindheit zurückversetzt sah.

Plötzlich stand Sherry neben mir und holte mich aus meinen Gedanken zurück.

„Waris, das hier ist Soraya. Sie wird dich als junges Mädchen in Somalia spielen“, sagte sie.

Ich blickte in das blutverschmierte Gesicht eines Mädchens mit kinnlangen Haaren, das völlig zerrissene Kleider anhatte und an dessen Körper überall Blut klebte. „Was ist denn mit dir passiert?“, fragte ich entsetzt.

Soraya lachte übers ganze Gesicht. „Das ist doch nur Kunstblut“, winkte sie ab. „Wir drehen gerade, wie du nach deiner Flucht durch die Wüste in Mogadischu auf der Suche nach dem Haus deiner Großmutter bist. In wenigen Minuten wird die Einstellung noch mal wiederholt. Übrigens, die Leute hier nennen mich Mini-Waris!“

Jetzt konnte ich auch lachen. Ich umarmte Soraya und küsste sie auf beide Wangen. Sie war wunderschön, wirkte selbstbewusst und mutig, und je länger ich ihr beim Drehen zusah, desto mehr wurde mir bewusst, dass sie wirklich war wie ich als Kind. Dieses Mädchen hatte einen so starken Willen, dass die Crew oft ganz schön mit ihm zu kämpfen hatte. Sie erinnerte mich unglaublich an mich selbst und war wirklich eine tolle Besetzung für die Rolle. Soraya war ein sehr schlaues Mädchen, und sie würde ihren Weg gehen, da war ich mir ganz sicher.

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