Archive | August, 2015

Great success: FGM declined in Sierra Leone

31 Aug

Since the 18th century FGM is practiced in Sierra Leone. The ones who are responsible for this cruel practice are so-called secret societies, like the Bondo Society, which brings together around 50, 000 circumcisers. Until now, politicians were powerless against these groups. Thanks to the work of the Desert Flower Foundation and other organizations FGM is declining. More and more parents refuse to expose their daughters to this brutal and meaningless ritual.

Here you can see some photos of our “Save a Little Desert Flower” program taken in several parts of the country.

Please support us HERE with your donation and help to completely eradicate FGM!

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Toller Erfolg: FGM rückläufig in Sierra Leone

31 Aug

Seit dem 18. Jahrhundert wird FGM in Sierra Leone praktiziert. Verantwortlich für die Praxis sind sogenannte Geheimorganisationen, wie die BONDO-Gesellschaft, in der 50 000 Beschneiderinnen organisiert sind. Politiker waren gegen diese Gruppen bisher machtlos.  Durch die Arbeit der Desert Flower Foundation und andere Organisationen ist FGM nun aber rückläufig, da sich immer mehr Eltern weigern, ihre Töchter diesem brutalen sinnlosen Ritual auszusetzen. Hier sehen Sie einige Fotos von unserem Programm „Rette eine kleine Wüstenblume“ aus mehreren Landesteilen.

Bitte helfen Sie uns HIER durch ihre Spende FGM ganz auszurotten!

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Musu, our brave little Desert Flower from Sierra Leone

26 Aug

Dear Desert Flower Foundation,

My name is Wotay Conteh and I am a grandmother of three lovely girls. We live together with them and their parents in an unfinished house in Newton. My daughter-in-law and I work as gardeners. However, because the money we earn is not enough to provide for the whole family, she also works in the quarry and helps on farms in the neighbouring communities during harvest.

My son has been very ill for two years and has serious difficulty in walking. After he became ill, he had to quit his job as a palm wine tapper and his wife became a breadwinner for our family.

The situation of our family was hopeless and we were afraid that we won’t be able to take care of our girls in future.

Luckily, we learned of the Desert Flower Foundation’s project. In order to take part in this sponsorship programme, we had to commit ourselves not to cut my youngest granddaughter Musu.

I am very glad Musu won’t be cut, because I see her two older sisters suffer greatly from the consequences of FGM – just as her mother and I do. Now our Musu is 7 years old and can finally attend school. Sadly, Musu is very sickly. She often suffers from cold and fever. Fortunately Desert Flower Foundation provides us with essential medicines and medical service.

Thanks to the Desert Flower Foundation’s support our whole family is doing much better. We are overjoyed and would like to sincerely thank all of the Desert Flower Foundation donors and its team!

Many thanks,

Wotay Conteh

Please support a little Desert Flower here:

DONATE

Musu, unsere tapfere kleine Wüstenblume aus Sierra Leone

26 Aug

Liebe Desert Flower Foundation,

mein Name ist Wotay Conteh und ich bin die Großmutter von drei lieben Mädchen. Gemeinsam mit ihnen und ihren Eltern leben wir in einem noch unfertigen Haus in Newton. Ich und meine Schwiegertochter arbeiten als Gärtnerinnen. Weil aber unser Geld nicht für die ganze Familie ausreicht, arbeitet sie zusätzlich im Steinbruch und hilft auf den Bauernhöfen in den Nachbargemeinden bei der Ernte aus.

Nachdem mein Sohn sehr krank geworden ist und nicht mehr als Palmwein Zapfer arbeiten kann, ist sie ist der Haupternährer der Familie geworden. Der Zustand meines Sohnes ist seit zwei Jahren sehr schlecht und er kann fast nicht mehr laufen.

Die Situation unserer Familie war schon aussichtslos und wir hatten jede Hoffnung auf Besserung verloren. Außerdem hatten wir Angst, dass wir in Zukunft nicht mehr für unsere Mädchen sorgen können.

Doch dann kam das Glück wieder in unsere Familie, als wir von dem Desert Flower Foundation Projekt erfahren haben. Um bei dem Projekt teilnehmen zu dürfen, mussten wir auf die Beschneidung unserer kleinsten, Musu, verzichten.

Ich bin darüber sehr froh, weil ich sehe, dass ihre beiden älteren Schwestern sehr unter der Beschneidung leiden und Schmerzen haben – wie ich und ihre Mutter. Jetzt ist unsere Musu 7 Jahre alt und kann endlich in die Schule gehen. Leider ist Musu seit langem ein wenig kränklich, aber zum Glück bringt uns die Desert Flower Foundation wichtige Medikamente.

Dank der Hilfe der Desert Flower Foundation geht es unserer ganzen Familie besser. Wir sind überglücklich und wollen uns bei dem Team und allen UnterstützerInnen bedanken!

Vielen Dank,

Wotay Conteh

Bitte unterstützen Sie die kleinen Wüstenblumen jetzt:

SPENDEN

Please support us today

25 Aug

Dear Desert Flower Foundation Fans and Supporters,

Thank you very much for your encouraging words. Life has taught me to never give up on my goals. I come from the poorest continent in the world. Almost 50% of Africans, 500 million people live below the poverty line-with an income of less than 1,25 $ per day! These people need our support because they hardly have opportunity to find a job. We support them if they commit themselves not to cut their daughters and to send the girls to school. We can save a lot of little Desert Flowers but we will be able to do it only if you help us.

Therefore, today we would like to kindly ask you for donation for the Desert Flower Foundation. Please inform your friends and colleagues about our work.

SUPPORT US HERE!

LOVE,

Waris Dirie

Bitte unterstützen Sie uns heute

25 Aug

Liebe Desert Flower Foundation  Fans und UnterstützerInnen,

vielen Dank für Eure ermutigenden Worte. Das Leben hat mich gelehrt niemals aufzugeben und niemals sein Ziel aus den Augen zu verlieren. Ich komme aus einem Kontinent, der der ärmste der Welt ist. Fast die Hälfte der AfrikanerInnen, 500 000 000 Menschen leben unter der Armutsgrenze, d.h. sie müssen mit nur 1 € pro Tag auskommen! Diese Menschen brauchen unsere Unterstützung, denn sie haben kaum Möglichkeit einen Arbeitsplatz zu finden. Wir unterstützen sie unter der Voraussetzung, dass sie auf die Beschneidung Ihrer Töchter verzichten und die Mädchen zur Schule schicken. Wir können aber nur dann viele Mädchen retten, wenn Sie uns unterstützen.

Deshalb ersuchen sich heute um eine Spende für die Desert Flower Foundation. Bitte erzählen sie auch Ihren FreundInnen und ArbeitskollegInnen über unsere Arbeit.

UNTERSTÜTZEN SIE UNS HIER

LOVE,

Waris Dirie

Somalia plans to ban FGM by law

24 Aug

I have been fighting against FGM for 20 years. I was laughed at, insulted, proclaimed a traitor and even received death threats.

Together with my Desert Flower Foundation I met many African leaders and ministers, among others also the Somali government. We tried to persuade them to ban FGM by law and to lay down strict penalties for this cruel crime in their countries. My struggle often seemed hopeless, especially in my homeland Somalia.

Nevertheless, I never gave up, because I always believed in my dream and my mission. After 20 years of my fight against FGM I see a dramatic change in my country.

The Somali government plans to take a historic step by banning FGM by law and punishing all circumcisers who do not stick to the new rules. The Association of Muslim Lawyers as well as religious leaders also speak out against FGM and declare FGM as a sin.

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Waris Dirie meets the Somali government in Addis Abeba in 2012

Gruppenfoto Waris afrika

Waris Dirie with African ministers and representatives of the African Union in Addis Abeba 2010

This is a revolution for Somalia. I’m so happy. The Somali government hopes to eradicate FGM in a generation and I say YES! Together we can do it!

Today, I would like to sincerely thank all supporters of the Desert Flower Foundation and my Team!
They always believed in my mission and enabled our success in the fight against FGM.

Please continue supporting us now. We won’t give up until FGM is definitively eradicated.

SUPPORT HERE!

Somalia plant FGM per Gesetz zu verbieten

24 Aug

Seit 20 Jahren kämpfe ich gegen FGM. Ich wurde ausgelacht, beschimpft, als Verräterin bezeichnet und mit dem Leben bedroht.

Mit meiner Desert Flower Foundation habe ich viele afrikanische Regierungschefs und Minister, auch mehrmals die somalische Regierung getroffen und versucht sie davon zu überzeugen, FGM per Gesetz und Strafe in ihren Land verbieten zu lassen. Oft schien es als wäre mein Kampf vor allem in meinem Land Somalia aussichtslos.

Trotzdem habe ich nie aufgegeben, weil ich an meinen Traum und meine Mission immer geglaubt habe. Nach 20 Jahren Kampf gegen FGM sehe ich eine dramatische Veränderung in meinem Land.

Die somalische Regierung plant FGM per Gesetz zu verbieten und alle Beschneiderinnen, die sich nicht daran halten zu bestrafen. Die Organisation der Muslimischen Rechtsgelehrten und Religionsführer spricht sich ebenfalls gegen FGM aus und erklärt FGM zur Sünde.

Gruppenfoto Waris afrika

Waris Dirie mit afrikanischen MinisterInnen und KommissarInnen der Afrikanischen Union in Addis Abeba 2010

24 08

Waris Dirie trifft die somalische Regierung in Addis Abeba 2012

Das ist für Somalia eine Revolution. Ich bin so glücklich. Die somalische Regierung hofft sogar, FGM in einer Generation ausrotten zu können und ich sage JA! Gemeinsam können  wir das!

Ich möchte mich heute beim alle UnterstützerInnen der Desert Flower Foundation und meinem Team bedanken, dass sie immer an meine Mission geglaubt haben und unsere gemeinsamen Erfolge gegen FGM ermöglicht haben.

Bitte unterstützt uns weiter. Wir werden niemals aufgeben bevor FGM nicht endgültig ausgerottet ist.

UNTERSTÜTZEN SIE HIER!

Letters to my Mother, part III, “Time of Reconciliation”

19 Aug

I am pleased to present you the third letter of my series of letters to my mother, where I describe our difficult reunion and express willingness to reconcile with her.

Dear Mama,

I carry this picture with me wherever I go, always. It shows you in a Somali desert. You wear a big African costume that reaches all the way the floor. It is colourful and blinding, with all the colours of the world, many golden chains hang of your neck, and your fingers are covered with rings. I know how much you like that. You look proud and sublime, your face is fresh and clean like the face of a girl. Your eyes are deep like the ocean, and perhaps that is what I love most about the picture.

The last time we saw each other in Vienna a few months ago, we had a fight. We both shouted, were furious and cried because of all the anger, disappointment and also pain. We told each other words that should have better remained unsaid. Finally, we left each other being bitter and exhausted from the fight that had gone on for hours.

Now I sit here in my small house in South Africa, a house that has become my shelter. Your picture lies in front of me on my desk and I can only sometimes avoid your eyes. I look at the sea, the waves and the small fisher boats floating off the shore. It is late afternoon, the sun is burning red, and already half drowned in the sea. The sunsets here are slow, incredibly slow, which is very different to the ones in Europe.

I didn’t sleep much in the previous nights. I felt completely distraught and confused. A fever burned inside me. I searched for a way to be close to you, but I couldn’t find one. I rolled in my bed from side to side. I still have so much to tell you, but I don’t know how. I have a confession to make, but I don’t know how. The truth is sometimes like a rose. If you reach for it, the thorns might hurt you. It is very painful for me to admit the following: ‘Waris, you have accomplished a lot in your life, but you haven’t reached your goal: to have a place in your mother’s heart.’

I have always wanted you to be proud of me, and that you talk with pride about your daughter who lives in a foreign country. That you feel admiration for the wrong-headed and stubborn Waris, she who is dealing with her new life. I know you can’t understand or approve of many things that I do or say because your traditions dictate something totally different. You live in the old Africa, imprisoned in all her rites and customs. I carry my Africa inside me. It is a modern Africa, a powerful blend of tradition and renovation. My dear mother, all I want from you is that you try to understand me.

If all the things that apparently matter could be pushed away, what would still remain the way it was before? A daughter’s love for her mother. A mother’s love for her child. There is nothing in the world as strong as this bond.

Through the nights of insomnia I had an idea. I began to write you a long letter. ‘Maybe,’ I thought, ‘I would manage to write down all the things I couldn’t say to you in person.’ After the first couple of lines I tore up the letter and threw it on the floor out of utter disappointment. But I didn’t give up and took up the pen to start again. I wrote and threw away and wrote and threw everything away again. Finally, I completed the first page; a little later, I completed a second one. My writing got faster, and I felt intoxicated through the sensations accompanying my writing. I wrote and wrote and wrote. My fingers began to hurt, but that didn’t stop me. My pen was almost flying over the paper. Time flew and I forgot to eat and drink. When I was tired I slept for a couple of hours, then I went back to my desk and continued writing like I was in trance.

Those are really intimate lines, Mama. I haven’t told anyone about many of the things I wrote, not even my closest friends. I had to force myself more than once to tell the whole truth, but the time had come. To tell the truth and nothing but the truth.

I want you to understand why I am the way I am. Maybe this letter helps me to get closer to you.

We are mother and daughter, related by blood, but we are completely different. There are thousands of kilometres between us, but our opinions are so different as if we lived on separate planets. I often offered you my hand, but you always refused it. No matter what we talked about, whether it was religion, tradition or family, we never agreed. There was no sympathy for the other’s point of view, even though my strongest desire is to be understood by you.

I am and always will be your Waris, your desert flower. I was born from your bosom in the desert of Somalia, almost beaten to death by my violent father, and genitally mutilated because of a cruel tradition. I ran away from home with nothing but my clothes on. A gracious wave carried me to London and a fortunate surge allowed me to rise in the air. Waris, the desert flower, turned into Waris, the top model, the UN Special Ambassador, the fighter against the awful injustice of FGM, the recognised writer. Millions of people have read the books about my life.

But Mama, that is not the whole story. For many years I have been carrying a secret deep inside of me. I have never talked about it. On the outside I am the strong Waris, the fighter, always beautiful and always smiling. But on the inside I am wounded, insecure, and I still feel alienated from this big, colourful world. It is the fault of a demon circulating over my life. Sometimes I believe that it is gone or that I got rid of it. But then the demon returns with such force and brutality that it takes my breath away and drags me into the darkness.

This demon has total control over my life. It decides what I feel, how far I can get in life, whether I feel good or bad. Maybe you can help me to defeat this demon, Mama. Together we are strong, mother and daughter.

Mama, with this letter I ask you for your help and love.

Your Waris, your desert flower, your daughter.

 

Please support my Desert Flower Foundation here.

Meine Mutter, Mein Sohn Leon und ich

My mother, my son Leon and I

Briefe an meine Mutter, Teil III, „Zeit der Versöhnung“

19 Aug

Ich freue mich, Ihnen meinen dritten Brief an meine Mutter vorstellen zu können. Darin beschreibe ich das schwierige Wiedersehen mit meiner Mutter, mit der ich mich wieder versöhnen möchte:

Liebe Mama,

Ich trage dieses Bild bei mir, wo immer ich auch bin. Es zeigt dich in der somalischen Wüste. Du hast ein weites, afrikanisches Kleid an, das bis zum Boden reicht. Es ist bunt und grell, zeigt alle Farben der Welt. Um deinen Hals baumeln unzählige Ketten aus Gold, die Finger sind voll mit Ringen. Ich weiß, dass du es so magst. Du siehst stolz aus und erhaben, dein Gesicht ist glatt wie das eines Mädchens. Dein Blick ist unergründlich wie die See und vielleicht ist es auch das, was ich an dem Bild am meisten liebe.

Als wir uns das letzte Mal sahen, hatten wir einen riesigen Streit. Wir haben beide geschrieen, getobt und geweint vor lauter Wut, Enttäuschung, und auch aus Schmerz. Wir haben uns Worte an den Kopf geworfen, die besser ungesagt geblieben wären. Wir sind schließlich auseinander gegangen wie zwei Streithähne, ermattet nach einem stundenlangen Kampf.

Ich sitze nun hier in meinem kleinen Häuschen in Südafrika, das zu meinem neuen Refugium geworden ist. Dein Bild steht vor mir am Schreibtisch und ich kann deinem Blick nur selten entgehen. Ich schaue auf das Meer hinaus, auf die Wellen, auf die kleinen Fischerboote, die vor der Küste treiben. Es ist später Nachmittag. Die Sonne zeigt sich glutrot und ist am Horizont schon halb ins Meer abgetaucht. Sie geht hier in Afrika so anders unter als in Europa. In der alten Welt salutiert sie ab wie ein Soldat, in Afrika versinkt sie unsagbar langsam, so wie ein Schiff im Ozean.

Ich habe nicht viel geschlafen die letzten Nächte. Ich war aufgewühlt und durcheinander. Ein Feuer loderte in mir. Ich suchte nach einer Möglichkeit, dir nahe zu kommen, aber mir fiel nichts ein. Ich wälzte mich im Bett hin und her. Ich habe dir noch so viel sagen, aber ich weiß nicht wie. Ich muss dir einiges beichten, aber ich finde keinen Weg. Die Wahrheit ist oft wie eine Rose. Wer nach ihr greift, muss damit rechnen, gestochen zu werden. Es tut weh, unsagbar weh, dass ich mir eingestehen muss: „Waris, du hast in deinem Leben viel geschafft, aber ein Ziel nie erreicht: in das Herz deiner Mutter zu gelangen“.

Ich wollte immer, dass du stolz auf mich bist, dass du daheim erzählst von deiner Tochter in der fremden Welt. Dass du dabei Bewunderung empfindest für die starrköpfige, dickköpfige, trotzköpfige Waris, die sich durchgeboxt hat in ihrem neuen Leben. Ich weiß: Vieles von dem, was ich tue und sage, verstehst du nicht oder kannst du nicht gut heißen, weil dir deine Tradition etwas anderes vorschreibt. Du lebst im alten Afrika, gefangen in all seinen Riten und Sitten. Ich trage mein Afrika in mir. Es ist ein modernes Afrika, eine kraftvolle Mischung als Tradition und Erneuerung. Liebe Mama, alles was ich von dir möchte, ist, dass du versuchst mich zu verstehen.

Wenn man das, was einen im Leben scheinbar wichtig ist, mit der Hand einfach wegschieben könnte, was bliebe dennoch immer so wie es war? Die Liebe einer Tochter zu ihrer Mutter. Die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Nichts auf der Welt ist so stark wie dieses Band.

Nach den durchwachten Nächten hatte ich eine Idee. Ich begann, dir einen langen Brief zu schreiben. Vielleicht, so dachte ich mir, schaffe ich es, auf Papier zu bringen, was ich dir nicht ins Gesicht sagen konnte. Nach den ersten paar Zeilen, zerknüllte ich den Zettel und schleuderte ihn enttäuscht zu Boden. Aber ich gab nicht auf und begann von vorne. Ich schrieb und ich warf  weg, ich schrieb und warf weg. Dann gelang mir die erste Seite, wenig später eine zweite. Ich schrieb immer flotter, steigerte mich in einen Rausch der Gefühle, ich schrieb und schrieb und schrieb. Die Finger begannen zu schmerzen, aber es kümmerte mich nicht. Mein Bleistift flog nur so übers Papier. Die Zeit verrann, ich vergaß zu essen und zu trinken. Als ich müde wurde, schlief ich ein paar Stunden, dann setzte ich mich wieder an den Schreibtisch und machte wie in Trance weiter.

Es sind sehr intime Zeilen, Mama. Vieles von dem, was ich dir schreibe, habe ich noch nie jemandem erzählt. Nicht einmal meinen besten Freunden. Mehr als einmal musste ich mich überwinden, dir die nackte Wahrheit zu schildern. Aber die Zeit ist gekommen, um Zeugnis abzulegen. Die Wahrheit zu sagen und nichts als die Wahrheit.

Ich will, dass du verstehst, warum ich so bin wie ich bin. Vielleicht schaffe ich es so, dir nahe zu kommen.

Wir sind Mutter und Tochter, blutverwandt, aber doch grundverschieden. Wir sind Tausende Kilometer voneinander getrennt, aber unsere Ansichten liegen oft so weit voneinander entfernt als würden wir auf unterschiedlichen Planeten leben. Ich habe oft die Hand zur Versöhnung ausgestreckt, aber du hast sie immer ausgeschlagen. Egal, ob wir über Religion, Tradition, Familie gesprochen haben – wir fanden nie zueinander. Da war kein Verständnis für die Sichtweise des anderen. Dabei wünsche ich mir nichts in meinem Leben mehr als von dir verstanden zu werden.

Ich bin und bleibe Waris, deine Wüstenblume. Geboren in deinem Schoß in der Wüste Somalias, halb tot geprügelt vom jähzornigen Vater, genitalverstümmelt einer grausigen Tradition wegen. Ich lief weg mit nichts als den Kleidern auf dem Leib. Eine gnädige Welle spülte mich nach London, eine günstige Woge trug mich nach oben. Aus Waris der Wüstenblume, wurde Waris das Top-Model, die UNO-Sonderbotschafterin, die Kämpferin gegen das Unrecht der Genitalverstümmelung, die Erfolgs-Autorin. Viele Millionen Menschen lasen die Bücher über mein Leben.

Aber Mama, das ist nicht die ganze Geschichte. Denn seit vielen Jahren trage ich ein Geheimnis in mir. Ich habe noch nie darüber gesprochen. Nach außen hin bin ich die starke Waris, die Kämpfernatur, immer schön, immer lächelnd. Nach innen aber bin ich verletzlich, unsicher, nach wie vor wie fremd in dieser großen, bunten Welt. Schuld daran ist ein Dämon, der über meinem Leben schwebt. Manchmal glaube ich, dass er verschwunden ist oder dass ich ihn besiegt habe. Aber dann taucht er plötzlich wieder auf und das mit einer Wucht und Brutalität, dass es mich umreißt und in die Dunkelheit zerrt.

Dieser Dämon hat die Befehlsgewalt über mein Leben. Er bestimmt, was ich fühle, was ich im Leben schaffe, ob es mir gut geht oder schlecht. Vielleicht kannst du mir helfen, diesen Dämon zu besiegen, Mama. Gemeinsam sind wir stark, Mutter und Tochter.

Mama, mit diesem Brief trete ich vor dich hin und bitte dich um deine Hilfe und um deine Liebe.

Deine Waris, deine Wüstenblume. Deine Tochter.

Bitte unterstützen Sie meine Desert Flower Foundation hier!

Meine Mutter, Mein Sohn Leon und ich

Meine Mutter, Mein Sohn Leon und ich