Briefe an meine Mutter, Teil II, „Du darfst nie aufgeben!“

19 Aug

Heute möchte ich Ihnen den zweiten Brief von meiner Briefserie vorstellen. Ich beschreibe hier mein Treffen mit dem ehemaligen polnischen Präsidenten und Friedensnobelpreisträger, Lech Walesa, der mir neue Kraft zum Handeln gegeben hat.

Liebe Mama,

ich habe einen Mann getroffen, der mir neue Kraft gab. Schicksale verbinden. Der Mann hat jahrelang einen aussichtslosen Kampf gegen einen übermächtigen Feind geführt. Er hat diesen Kampf schließlich gewonnen, weil er stets der Überzeugung war, das Richtige zu tun, auf der richtigen Seite zu stehen. Er hat Risiken in Kauf genommen, Entbehrungen ertragen und wurde dafür mit der höchsten Auszeichnung belohnt, welche die Menschheit zu vergeben hat: dem Friedens-Nobelpreis.

Ich war Ehrengast einer Gala der UNESCO in Düsseldorf in Deutschland. Seit einigen Jahren bin ich Ehrenbotschafterin der UNESCO, der Kinderhilfs-Organisation der UNO, die auf der ganzen Welt viel Gutes für Kinder tut.

Am Vorabend der Gala traf ich einen Mann, der meine Stimmung aufhellte: Lech Walesa. Er war Führer der Solidarność in Polen, einer Gewerkschafts-Bewegung, die Geschichte schrieb. Lech Walesa und seiner Bewegung ist es zu verdanken, dass heute Millionen andere Menschen in Frieden und Freiheit leben können. Als Führer seiner Gewerkschaft hat er sich eines Tages gegen die herrschenden Machthaber, die Kommunisten, aufgelehnt. Er wurde zunächst nicht ernst genommen, dann angefeindet, schließlich bedroht – aber immer mehr Menschen folgten seinem Stern. Erst Hunderte, dann Tausende. Schließlich wurden die Kommunisten in Polen zum Teufel gejagt und wenig später in einigen Nachbarländern dazu.

Ein einzelner Mensch hat das möglich gemacht.

Ich wurde Lech Walesa am Vortag der Gala vorgestellt. Wir waren uns sofort sympathisch und beschlossen, am nächsten Abend Tischnachbarn zu werden.

Lech Walesa erzählte mir, dass seine Frau und er meine Bücher gelesen haben. „Überall in Polen wissen die Menschen, was du geschrieben hast. Waris. Du bist hier sehr bekannt, fast wie ein Popstar. Mädchen, du hast eine Mission und du wirst deine Ziele erreichen! Ich weiß wovon ich spreche“.

Und dann erzählte mir dieser wuchtige Mann seine Geschichte, die so unglaublich viel Mut macht. Auf den ersten Blick klang alles so einfach und logisch. Fast wie eine Erzählung aus dem Märchenbuch, immer mit Happy end. Heute denke ich: „Was muss Lech Walesa für einen ungeheuren Willen und Lebensmut gehabt haben, um das alles durchzustehen.

„Als ich einst meinen Kampf als einfacher Elektriker und Gewerkschaftsmitglied in der Werft von Danzig begonnen habe, wusste ich, dass ich damit das Ende der kommunistischen Diktatoren einleiten werde“, sagte er. „Man hat meine Familie bedroht und mich eingesperrt, aber ich war stärker, weil ich an meine Aufgabe geglaubt habe und ich wusste, dass mich Gott dabei unterstützt“

Meine Wangen begannen zu glühen. „In meinem Land sind tausende Menschen einfach verschwunden, von den kommunistischen Machthabern eingesperrt, gefoltert und umgebracht worden. Die freie Rede- und Meinungsäußerung war verboten. Die Menschen lebten in Angst“.

Dann beugte sich Lech Walesa zu mir, fast so wie es Kinder tun, wenn sie ein Geheimnis weitersagen wollen: „Ich weiß, Waris, dass du mit deiner Mission, deinem persönlichen Kampf gegen Genitalverstümmelung erfolgreich sein wirst, dass du diesem schrecklichen Unrecht und dem Leid, dass Millionen von Mädchen angetan wird, ein Ende setzen wirst. Du bist sehr stark und du wirst deinen Kampf gewinnen! Wer sich berufen fühlt, gibt niemals auf und kann alles schaffen“.

Von diesem Augenblick an, Mama, waren alle Zweifel wie weggeblasen. Von da an war ich felsenfest überzeugt davon, dass mein Kampf gegen Genitalverstümmelung richtig und wichtig ist. Wann immer mich seither der Mut verlässt, dann denke ich an Lech Walesa, seinen Kampf und seinen Sieg. Das verleiht mir Flügel.

In Liebe

Waris

 Bitte unterstützen Sie meine Desert Flower Foundation hier!

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